Das Konzept der Liebe und das Konzept der Angst

Wenn wir mit Menschen umgehen, dann können wir zwei Konzepte anwenden. Das Konzept der Liebe oder das Konzept der Angst.

Das Konzept der Angst wird vor allem von Menschen gelebt, welche eine Kontroll-Illusion haben. Sie haben das Gefühl, dass sie die Umwelt und alles was rundherum geschieht kontrollieren können. Damit einhergehend möchten sie auch die Verantwortung dafür übernehmen, was in ihren Augen gut oder schief läuft. Sie greifen stark ein und gestalten über die Grenzen hinaus. Wenn etwas nicht so geht, wie sie es sich vorstellen, so strengen sie sich noch mehr an, um zu kontrollieren. Sie haben selber Angst, sie verbreiten aber auch Angst. Man kann sich bei ihnen sicher fühlen, doch die Kontroll-Illusion ist eben eine Illusion und keine echte Fähigkeit. Das Konzept der Angst scheitert an sich selber – wir haben die Wahl, ob wir das anwenden wollen. Es braucht viel Energie, funktioniert schlecht, es verbreitet Angst und schlechte Stimmung und dreht sich im Kreis. Das Konzept der Angst arbeitet mit Erwartungen. Der beste Freund der Erwartung ist die Enttäuschung. Auf der Suche, was man nächstes Mal besser machen kann, wird wieder an der Fähigkeit geschraubt, es werden neue Erwartungen geschürt… ein ewiger Teufelskreis kommt in Gang und die Umgebung wird immer giftiger.

Das Konzept der Liebe geht genau andersrum. Hier respektiere ich, dass das was gestern war, Geschichte ist. Was morgen sein wird sind Gerüchte. Das einzige was zählt ist die Gegenwart. Wenn ich mich nicht als übergeordnet ansehe, dann begegne ich der Natur, der Umwelt und den Mitmenschen mit Respekt und Demut. Ich liebe die Menschen genau so wie sie sind. Ich weiss, dass alles was geschieht nicht gegen mich gerichtet ist. Sondern es passiert, weil es passiert. Es gibt keine Zufälle. Es gibt keine schlechten Nachrichten – nur Nachrichten. Ich akzeptiere alles und bleibe nicht gleichgültig – sondern ich versuche das Beste daraus zu machen. Ich unterstütze einen Menschen, der meine Hilfe braucht, fülle mein Werk mit Passion und Hingabe. Tue das, was ich tue, weil ich es tun will – nicht weil ich es tun muss. Ich akzeptiere, dass wenn ich eine Feige pflanze, daraus ein Feigenbaum entsteht. Egal, was ich tue, er wird nie Äpfel oder Birnen tragen. Es ist keine Frage der Energie, die ich einsetze. Ich kann es einfach nicht kontrollieren – es passiert, was will, und das ist auch gut so. Man muss an sich glauben, die Stimme, die einem behindert ausschalten und probieren, die wahre Liebe und Hingabe für den Moment zu entfalten. Wenn ich mit einem Menschen spreche, dann ist das das wichtigste, was im Moment ist! Ich gebe mich ihm hin. Multitasking war gestern – heute ist Singletasking in!

Ich akzeptiere, dass ein Grashalm nicht schneller wächst, wenn ich daran ziehe. Ich verstehe, dass wenn ich etwas pflanze, ich den Sämling nicht jeden Tag herausziehen kann, um zu sehen, wie weit er gewachsen ist. Damit zerstöre ich genau das Wachstum, das ich optimieren möchte. Ich bin nicht ein Gott, auch nicht ein Knecht. Sondern ich bin ein Mensch, umgeben von anderen Menschen. Ich brauche mich nicht unterzuordnen, aber auch nicht überzuordnen. Wenn ich vorangehe, dann mache ich das mit Liebe, Respekt und Geduld.

Ich werde nicht, sondern ich bin. Indem die Zeit aus unendlich kleinen Momenten der Gegenwart entsteht, verstehe ich, dass ich die Gegenwart beeinflussen muss, um die Geschichte zu schreiben. Wer bin ich? Eine unverzerrte Ansicht ist unabdingbar um zu verstehen, wer man ist und was man macht. Ich kenne meine Möglichkeiten, ich weiss, was ich gut kann und was weniger. Ich verstehe, dass die wahre Bereicherung die intensiven Beziehungen mit meinen Mitmenschen sind. Ich brauche nicht mehr an Masse, sondern ich brauche tiefere Freundschaften. Ich kann Liebe verschenken, ohne ärmer zu werden. Konsum gehört eher zum Konzept der Angst: Ich brauche einen gewissen Gegenstand um geliebt und akzeptiert zu werden. Ich brauche Ferien in der Ferne, um mir selber zu entfliehen. Und weil diese Art von Konsum nie Zufriedenheit bringt, versuchen die Menschen den Konsum zu erhöhen. Nach dem Motto: Als wir das Ziel aus den Augen verloren, verdoppelten wir die Anstrengungen.

Wenn wir viel mit dem Konzept der Liebe zu den Menschen und zu sich selber arbeiten, dann erreichen wir eine neue Stufe der Freiheit. Bei der Liebe zu sich selber ist nicht die Selbstverliebtheit, die Eitelkeit gemeint. Sondern das Vertrauen in sich selber, in die Instinkte. Wenn wir ohne Angst leben, dann sind wir nur schwer beeinflussbar. Wir sind frei, denn wir wissen, uns kann nichts passieren! Wir können verstehen, dass Angriffe nur ganz selten uns selber gelten; sie gelten nur unserem Abbild. Wenn wir das verstehen, dann können wir auch besser mit verbalen Attacken, Anschuldigungen und Vorwürfen umgehen. Jeder Mensch ist ein Multitalent und hochintelligent. Nur weil wir die Fähigkeiten und Interessen bewerten, entstehen „intelligente“ und „dumme“ Menschen. Sie sind nicht von Natur aus so – wir machen sie zu dem!

Wenn wir eine Arbeit tun, dann können wir in einen „Flow“-Zustand hereinkommen, wobei die Zeit ausgeblendet wird. Der Kampfsportler nennt diesen Zustand „Mushin“ oder „Mushin no shin“, ein offener Geist, der von Gefühlen und Gedanken befreit ist. So vertraut der Budoka eher seiner Intuition, als dass sich überlegt, was sein Gegner als nächstes tun könnte. Es ist wie routiniertes Fahrrad-fahren – ich muss auch nicht mehr denken, ob ich links oder rechts lenken muss, um das Gleichgewicht zu halten. Der Geist arbeitet in diesem „Flow“ sehr schnell, jedoch ohne bestimmte Ziele und Absichten. Wut und Ängste behindern den Budoka nicht, das „Ich-Gefühl“ verschwindet. Es ist ein Bewusstsein ohne Bewusstsein. Wichtig zu verstehen ist: Man muss als Budoka die Bewegungen zig tausend Mal gemacht haben, um diesen Geistes-Zustand zu erreichen. Uns so muss ich auch meine Werke routiniert machen können, um in den Flow zu kommen. Wahre Meisterschaft! Wenn ich das Konzept der Liebe oft übe, dann erreiche ich auch hier ein Bewusstsein ohne Bewusstsein. Wenn ich einen Raum betrete, so kann er sich mit positiver Energie füllen, die unsere Mitmenschen spüren.

Ein erfahrener Mensch hat ein offenes Herz, wenig Vorurteile dafür echtes Interesse. Er kennt die Essenz des Lebens: die Liebe und Hingabe. Und anerkennt, dass die Zeit vergänglich ist und dass Zeitverschwendung noch schlimmer als Geldverschwendung ist: Verlorene Zeit ist unwiederbringlich verloren!

Angst ist ein gutes Konzept – denn es ist eine nötige Bremse, die uns mit dem Privileg des freien Willens mitgegeben wurde. Ein Hund springt nicht in einen Abgrund. Er hat einen Reflex, einen Instinkt, aber keinen freien Willen. Wenn wir uns überlegen, ob wir in den Abgrund springen wollen, dann schützt uns die Angst vor Verletzungen. Und genau dieser Aspekt der Angst ermöglicht uns erst ein langes Leben! Stellen Sie sich vor, wenn wir ohne Angst über eine rote Ampel fahren würden… Hier macht die Angst Sinn! Die Angst und die Sorgen um unsere nicht-lebenswichtigen Probleme können wir jedoch getrost abschütteln und sie mit Liebe und Gelassenheit ersetzen. Durch guten Mut und einem gesunden Selbstvertrauen lassen wir uns nicht irre machen!

Wenn man segelt, dann kann man bildlich das Konzept der Angst und das Konzept der Liebe verstehen: Ich habe die Demut und den Repekt vor dem Wasser und weiss, dass ein Suppenlöffel Wasser in der Lunge tödlich ist. Somit sind die Quadratkilometer voller Wasser eine enorme Bedrohung für das Leben von meiner Crew und mir. Ich habe ein Boot, eine Crew, meine Kenntnisse, meine Erfahrung, meine Analysen. Den Mushin-Zustand erreiche ich hinter dem Steuer, wo ich nicht aktiv überlegen muss, was zu tun ist. Ich spüre den Wind, die Wellen, die Kräfte, mein Boot, meine Crew. Ich habe eine Orientierung, weiss aber genau, dass der Moment zählt und nicht die Geschichte oder die Zukunft. Die Liebe zum Leben und zu meiner Crew machen, dass die Reise und das Schiff untergeordnet sind. Ich weiss, dass ich niemandem etwas beweisen muss – und so verschwinden verschiedene Risiken. Ich steuere einen anderen Hafen an, als ich geplant habe, wenn es sein muss. Ich steige ohne mit den Wimpern zu zucken in die Rettungsinsel. Ich setze einen Notruf rechtzeitig ab. Wenn das hier und jetzt entscheidet, dann halte ich nicht den Kurs, den ich in der Vergangenheit gesetzt habe. Das wäre töricht und unklug, denn die Gegenwart wird nicht gnädiger zu mir sein, nur weil ich in der Vergangenheit eine andere Einschätzung gemacht habe. Ich akzeptiere das Konzept der „Sunk costs“, was ich gestern investiert habe, ist heute wertlos, denn es zählt die Gegenwart. Die Karten werden immer wieder neu gemischt. Sobald ich das Gefühl habe, eine Situation kontrollieren zu können, verengt sich mein Blick und ich mache den nächsten Fehler. Resilienz als die Fähigkeit, negative Gemütszustände möglichst schnell zu überwinden, runden die Fähigkeiten ab. Die Liebe und Hingabe zum Meer und zum Segeln machen also von selber, dass die Risiken kleiner werden und die Reise schöner wird!

Wenn wir also mit dem Konzept der Liebe arbeiten, uns und unseren Intuitionen vertrauen, die Kunst des klaren Denkens verstehen, so können wir die Angst überwinden und die Welt zu dem Ort machen, an dem wir selber leben wollen.

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