Akzeptieren oder verändern?

Letzthin ist mir eine typische Frauenzeitschrift in die Hände gekommen. Es ist mir aufgefallen, dass sie sich in zwei Blöcke einteilen lässt: Den Block „Du bist gut so wie Du bist“ und den Block „in zehn Schritten zur / zum …“ (Traummann, Wunschgewicht, Sommerfigur, Geld / Reichtum usw.). Und es fiel mir auf, dass es zwei klare Gegenpole sind: Den Pol „verändere, greife ein, handle „, und den Pol „akzeptiere, ändere die Einstellung dazu, wu-wei. Komisch! Da kauft man ein Heft, in der ersten Hälfte erfährt man, wie man Dinge ändern kann, um dann in der anderen Hälfte wieder die Einstellung dazu zu ändern und nichts zu tun.

In vielen meiner Blogs empfehle ich, die Dinge in die Hände zu nehmen und zu ändern. In anderen empfehle ich, tief durchzuatmen und die Dinge so nehmen, wie sie sind. Nach dieser Logik ist es, wie wenn ich einen Wagen bewegen möchte, und ich jemanden bitte, hinten zu stossen, und jemand anderen bitte, vorne zu stossen. Auch wenn beide volle Energie einsetzen, der Wagen wird sich nicht bewegen. Das Ergebnis ist also Null. Oder?

Ying und Yang
Vielleicht finden wir die Lösung, wenn wir einen anderen Denkansatz wählen. In einem ausgeglichenen System hat es von Ying und Yang immer gleich viel. Und in jedem hat es etwas vom anderen. Das Leben wird von den beiden Gegensätzen quasi angetrieben: Tag und Nacht, Regen und Sonne, Sommer und Winter, Jung und Alt, warm und kalt, still und laut, gross und klein… Usw. Das eine kann ohne das andere nicht sein. Wenn wir zu unserem Grundproblem kommen, dann können wir auch feststellen, dass Handeln und Akzeptieren Gegensätze sind – die aber ohne einander nicht auskommen. Auch im Handeln gibt es Elemente des Akzeptierens, auch im Akzeptieren gibt es ein Element des Handelns – Das Akzeptieren selber ist ja auch eine Handlung.

Was nun?
Nun gut, jetzt haben wir analysiert, dass diese Frauenzeitschrift gar nicht so nichtsnützig ist, wie wir vermutet haben. Wie geht’s nun weiter? Was wir machen müssen, ist eine Zwischenstufe einschalten: Die bewusste Entscheidung oder anders gesagt: Die Achtsamkeit.

Achtsamkeit
Bei der Achtsamkeit geht es darum, dass wir im hier und jetzt ankommen und uns bewusst werden, dass wir handeln können – und auch akzeptieren können. Und wenn wir uns der Achtsamkeit bewusst werden, dann können wir einen grossen Schatz heben, der vielen Menschen verborgen ist. Achtsamkeit ist eine Kunst, die wir zuerst einüben müssen. Unsere Welt ist getrieben von vielen Kommunikationskanälen, die nie schlafen. Wir werden angetrieben, immer mehr Leistung zu bringen und werden alt, ohne zu wissen, was wir eigentlich gemacht haben.

Es gibt dazu eine schöne chinesische Geschichte: Ein Mann sass auf einem Pferd, das sehr schnell galoppierte. Der Kaiser hielt die beiden an und fragte er den Mann: „Sie müssen sehr in Eile sein, wo möchten Sie hin?“ Der Mann antwortete: „Ich weiss es nicht, fragen Sie das Pferd!“. Ein solches Phänomen glaube ich im heutigen Zeitgeist wiederzuerkennen: Viele Menschen bewegen sich ungeheuer schnell und unverbindlich durch das Leben, sie wissen jedoch nicht, wohin die Reise geht und warum es so schnell geht.

Wenn wir diesen Zustand des sinnlosen Galoppierens erkennen, dann können wir auch etwas dagegen tun. Durch ein Bewusst-Werden der Situation, durch Achtsamkeit, können wir uns bewusst entscheiden, was wir möchten. Wir erlangen durch den Zustand der Achtsamkeit die Kontrolle zurück – wenn es etwas zu tun gibt, dann tue ich es, weil Ich das will! Und nicht weil jemand anderes es möchte. Wenn wir also vom Befehlsempfänger zum Chef werden, dann erlangen wir die Kontrolle zurück und kommen so dem Glück etwas näher. Auch wenn wir morgen arbeiten gehen müssen – eine schreckliche Einstellung – dann können wir das ändern, indem wir uns sagen, dass wir arbeiten gehen möchten! Immerhin ziehen wir uns an, entscheiden bewusst, dass wir gehen. Mit dieser Einstellung sind wir doch viel befreiter, oder?

Akzeptieren vs. Verändern
Um den Kreis zu schliessen: Wenn ich achtsam bin, dann sind Handeln und Akzeptieren Gegensätze, die wir zum Leben brauchen. Wir müssen nur bewusst einen Weg gehen – eben entscheiden oder akzeptieren – und nicht im Nebel des Zweifels, des Selbstmitleids und des „Warum-nur“ Effekts herumirren. Ich handle – also handle ich: klug und nachsichtig. Ich akzeptiere: also akzeptiere ich voll und ganz aus eigenen Stücken – und nicht, weil ich mich nicht zu wehren weiss.

Frauenzeitschriften
Und so lese ich die Frauenzeitschrift weiter, und habe ein esoterisches Lachen im Gesicht: Wer sein Wunschgewicht mit 10 Schritten oder der beliebten Mango-Lassi-Diät erreichen will, der soll es doch tun. Wer lernen will, sich so zu nehmen wie er ist, soll dies tun. Auch das ist gut so. Am Ende des Tages möchten diese Hefte verkauft werden und wir finden uns sicher in einer Hälfte des Heftes selber wieder – und so entsteht ein gutes Gefühl und das Heft verkauft sich weiterhin blendend. Auch wenn es vermutlich nichts als pure Unterhaltung ist.

Der Schlüssel bleibt Achtsamkeit
Wenn wir also achtsam sind, ein „spectateur attentif“, dann kann uns der Mechanismus nicht entgehen. Wir werden zu Genussmenschen, weil wir den Moment geniessen und mitbekommen, was um uns herum passiert. Wenn wir dann noch menschenfreundlich und achtsam handeln, dann können wir die Welt um uns herum etwas besser machen. Ohne zu viel Energie zu verschwenden – wenn wir wissen, wie das Spiel geht, dann stehen wir darüber und begegnen der Welt mit einem Lächeln – und das kann man ruhig verschenken, ohne ärmer zu werden und ohne Energie zu vergeuden!

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