Sich effizient ärgern

„An Wut festhalten ist wie Gift trinken und darauf warten, dass der andere stirbt“ meinte einst Buddha. Und er bringt alle Gedanken auf den einen wichtigen Punkt: Der Ärger hat nichts mit dem anderen zu tun, denn den Ärger empfinde ich selber und er schädigt vor allem mich. Darum tun wir gut dran, wenn wir diesen Gedankengang begreifen und aufhören, uns selber zu vergiften.

Die Welt und ich – ich und die Welt

Es gibt verschiedene Möglichkeiten von Weltbildern – hier eine Sicht inspiriert von Vera Birkenbiehl: Die eine, ganz rationale Sicht ist die Sicht des Betrachters wie in einem Museum: Vor mir die Welt, abgetrennt durch eine Glasscheibe. Ich bin Betrachter eben dieser, habe aber grundsätzlich nichts mit ihr zu tun. Dann gibt es die Möglichkeit sich vorzustellen, dass wir auf der Welt sind und mit allen und allem irgendwie verbunden sind. Wir sind eingebunden in ein System mit verschiedenen Interdependenzen. Wir können nicht entfliehen, denn das Mensch-sein ist geprägt von der Verbindung und Einbettung. Noch weiter geht die Vorstellung, dass die Welt unser Spiegel ist und dass ich genau das sehe, was ich will bzw. verdient habe zu sehen. Und wenn wir uns auf diesen Gedanken einlassen, dann müssen wir unsere Wahrnehmung verändern.

Wie man in den Wald ruft…

…so kommt es auch zurück. Viele Menschen die sich wiederholt und heftig ärgern argumentieren mit diesem Spruch. Sie wären wirklich entspannt, wenn nur nicht alle Anderen sie ärgern würden und sie sich folglich wehren müssten. Man muss also in gewisser Weise zurückschlagen, um nicht als Opfer elend zerquetscht zu werden. Doch diese Erklärung greift zu kurz, denn das Weltbild ist hier so, dass man der Frosch am Teich ist, immer quaken muss um sich Luft zu verschaffen und man letztlich nichts ändern kann. Man muss sich eben wehren! Leute mit dem Selbstbild eines Adlers lassen sich nicht ärgern – sie ändern die Flughöhe oder wechseln das Tal. Punkt. Wenn man also den Wald-Spruch zitiert sollte man sich fragen, ob die Welt denn nicht einfach zurückruft, wie man selber hineinruft!

Ordnung vs. Chaos

Viele Menschen suchen die Stabilität und die Ordnung. Ein Zustand, bei dem alles nach festen, klar definierten, voraussehbaren Regeln funktioniert und wo es keine Überraschungen gibt. Den perfekten Zustand dessen nennt man Tod – hier kann einem wirklich nichts mehr geschehen, weil man die körperliche Endhaltestelle erreicht hat. Chaos dagegen ist Leben. Die griechischen Naturphilosophen betrachteten den Wald mit seinen Wirren und seiner Unordnung als die Perfektion! Man stelle sich vor: Die Bäume wachsen wild, Blätter fallen auf den Boden, die Tiere streifen umher – für Ordnungsfanatiker eine Horror-Vorstellung – und dennoch die Basis für unser Leben. Als Randbemerkung muss man verstehen, dass im Griechischen die Wörter Chaos, Krise („Bewertung“) und Katastrophe („gänzliche Wendung“) nicht oder nur teilweise negativ bewertet sind. Wenn wir also Chaos als Leben und Ordnung als Tod definieren, dann sollten wir uns damit abfinden, dass Überraschungen – ob positive oder negative – genau dazugehören und wir lernen sollten, uns nicht oder nur wenig darüber zu ärgern.

Die Welt als mein Spiegel

Wenn ich mich also wieder mal aufrege, dann könnte ich mich auch fragen, warum das so ist! In der Regel reagiere Aggressionen übermässig, wenn ich selber aggressiv bin. Ich rege mich über autoritäre Personen auf, wenn ich selber autoritär bin. Ich rege mich über Drängler auf, wenn ich selber drängle. In der Regel rege ich mich über Sachen auf, die ich selber entweder nicht kann oder über Menschen, die selber so sind wie meine schlechten Seiten. Und die kann man exogen besser bekämpfen als an sich selber zu arbeiten – so meint man zumindest.

Techniken

Die Überschrift des Artikels ist ja „sich effizienter ärgern“ und nicht „sich nicht mehr ärgern“. Es kann nicht das Ziel sein, aus einem Choleriker nach diesem Blog-Text den neuen Dalai Lama zu machen. Es geht darum, den Ärger in einem ersten Schritt zu halbieren und danach so weit wie möglich zu reduzieren. Das Endziel des Geisteszustands – die bedingungslose Liebe bei immerwährender Harmonie – erreichen eh nur die wenigsten von uns. Und so möchte ich Euch ein paar Techniken zeigen, wie sich ein Ärger möglichst schnell überwinden lassen könnte. Die erste nenne ich „breathe“: Wenn Sie merken, dass Wut in Ihnen aufstiegt, dann beobachten sie diese ohne Bewertung und fangen sie an zu Atmen. Tief und langsam. So gewinnen Sie Zeit und fangen nicht an „Gift“ zu trinken. Wenn dann die Situation entschärft ist und es keinen Grund mehr zum Ausrasten gibt – dann lassen Sie es doch gleich bleiben! Eine weiter mögliche Überlegung könnte sein: Wie würde die Welt aussehen, wenn ich meine (wütige) Reaktion zum Gesetz machen würde? Wenn also jeder auf der Welt jeden Reinschneider ausbremsen würde – wie würde die Welt aussehen? So kann man Überreaktionen vermeiden. Weiter können auch die beiden Relativitätstheorien helfen. Die grosse Relativitätstheorie besagt: Wenn ich morgen sterben würde, wie würde ich auf diese Situation reagieren? Wohl nicht ausrasten, oder? Wem die grosse Relativitätstheorie zu weit geht, kann auch die kleine nehmen: Wenn ich wüsste, dass das Gegenüber nur noch zwei Wochen zu leben hätte. Wie würde ich ihn dann behandeln? Das hilft bestimmt!

Über bedingungslose Liebe und die Bindungsenergie

Prof. Dr. Harald Lesch, Philosphe und Physiker, hat in einem Videobeitrag „Materie besteht nicht aus Materie“ aufgezeigt, dass wenn man einen Kuchen zerteilt, dass die einzelnen Teilstücke leichter sind als die Gesamtheit. Wenn man also Teile zusammenfügt, entsteht etwas grösseres als die Summe der Einzelteile. Geht man dann in die Ebene der Moleküle stellen wir fest, dass Atome zwar teilbar sind. Die Protonen aber selber – und hier sind wir in der Quantenphysik, die anderen Naturgesetzen folgen – bestehen aus zwei Up-Quarks und einem Down-Quark. Wenn man diese drei Quarks wiegen würde, dann machen die nur 0.2% des Gewichts des Neutrons aus. Im Umkehrschluss besteht ein Neutron aus 99.8% aus Bindungsenergie und somit auch wir Menschen, als grosse Ansammlungen von Molekülen. Wir bestehen also vor allem aus Bindungsenergie, was uns eine hervorragende Brücke zum Thema bedingungslose Liebe baut. Physikalisch gesehen würden wir ohne Bindung zerfallen – psychologisch eben auch!

Fazit

Wenn wir uns also das nächste Mal ärgern wollen, dann denken wir doch daran, dass genau die Peripetie – der Wendepunkt – unser Leben ausmacht. Wir sollten uns nur ärgern, wenn wir damit etwas erreichen. Wenn also der Fahrer vom weggeschnappten Parkplatz wieder wegfahren würde. Wenn wir im Stau stehen sollten wir froh sein, dass wir nicht der arme Kerl in der Leitplanke sind, der von der Feuerwehr gerade befreit wird. Wir sollten atmen, glücklich sein dass wir leben, annehmen, akzeptieren, und „ja“ sagen zum Leben. Dann fällt uns alles viel leichter und wir können die Energie dort einsetzen, wo wir Gutes tun können!

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