Γνῶθι σεαυτόν (Gnōthi seautón) „Erkenne dich selbst!“

Diese Worte sollen am Eingang über dem Apollotempel von Delphi gestanden haben. Erkenne Dich selbst – drei Worte, die es in sich haben!

Wenn Du in einen Spiegel siehst, dann erkennst Du Dich selbst. Nicht ganz, Du erkennst eine Seite an Dir. Wenn Du mehrere Spiegel hast, erkennst Du noch mehr von Dir. Doch eben, Du erkennst das Äussere. Dank Röntgen kannst Du auch Dein Inneres erkennen. Doch Du siehst vor allem Strukturen, Licht und Schatten auf einem Bild.

Mit „Γνῶθι σεαυτόν“ ist jedoch vielleicht etwas anderes gemeint, nämlich dass Du Dich selbst erkennst, wie Du bist. Es ist die Aufforderung, sich über die Differenz zwischen „wer bin ich“ und „wer glaube ich zu sein“ Gedanken zu machen. Die Erkenntnis der „Innenwelt“ dient zur Problemlösung in der „Aussenwelt“.

Obwohl wir es nicht glauben, haben wir alle eine ziemlich verzerrte Wahrnehmung von unserer Umgebung – und auch von uns selbst. Wer würde sich selber als Lügner, Egoist oder schlechter Mensch bezeichnen? Wohl niemand – denn dafür sorgt ein interessanter Grundmechanismus: Man misst die Anderen immer an sich selber. Oder noch besser: Man misst die anderen an den eigenen Idealen oder an der eigenen Wunschvorstellung. Und so agiert man unüberlegt und Kämpft wie Don Quijote gegen die Windmühlen. Viel Aufwand – wenig Ertrag.

„Gnothi seauton“ fordert uns auf, uns ein Bild über uns selber zu machen. Wir sollen die Wolke verlassen, und uns selber betrachten; und damit auch die Welt besser verstehen und die richtigen Handlungen vorzunehmen. Und alles ins richtige Licht, ins richtige Verhältnis zu rücken. Es lebt sich wunderbar mit der Erkenntnis, dass wir alle mehr oder weniger verzerrte Bilder haben! Denn es macht uns stark, an den richtigen Punkten zu arbeiten.

Wenn wir uns selber „richtig“ erkennen, dann können wir in einem zweiten Schritt Hammer und Meissel in die Hand nehmen, und an uns selber arbeiten. Ohne die Erkenntnis von uns selber bauen wir auf Sand – und es bleibt zufällig, ob wir etwas erreichen. Erst ein starkes, breites und tiefes Fundament ermöglicht uns den Aufbau von etwas wunderbaren. Es lohnt sich, Zeit dafür zu investieren – denn sonst bleiben wir auf dem Holzweg.

„Γνῶθι σεαυτόν“

 

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