Warum zu viel Härte vieles kaputt macht

Wir leben in einer Welt, wo Stärke zählt: Just do it, get things done, better done than perfect sind die Phrasen, die einem sehr viel begegnen. Ist jemand jedoch zögerlich, langsam und überlegt, vielleicht sogar präzise oder uninteressiert so gilt er sofort als träge und faul – ja noch schlimmer – wir denken, er bringt kaum etwas auf die Reihe.

Technik vs Timing

„Als wir das Ziel aus den Augen verloren, verdoppelten wir die Anstrengungen“; genauso kommt es mir vor, wenn ich im Spiel des Lebens anderen Menschen zuschaue. Als Judoka ist es mir klar, dass auch die perfekteste Technik nicht funktionieren kann, wenn das Timing – den Moment, wo ich sie ansetze – nicht stimmt. Da eines der zentralen Judoprinzipien das Effizienzprinzip ist – also das Ziel, die grösstmögliche Wirkung mit dem kleinstmöglichen Aufwand zu erreichen, sieht man schon die zentrale Problematik der „hau-einfach-raus-Methode“. Wenn wir also einen Weg gehen wollen und ein Ziel erreichen wollen, brauchen wir nebst Tatendrang und Produktion auch das richtige Timing.

Versagen – als Funktion von Erwartungen und Enttäuschungen

Viele Menschen setzen sich Ziele und versuchen diese auch zu erreichen. Daran ist grundsätzlich nichts auszurichten; vor allem wenn sie gelingen, macht es uns Freude. Doch was, wenn wir wir sie nicht erreichen? Oder nicht erreichen können? Der Gegenspieler der Erwartung (vom Erreichen des gesetzten Ziels) ist die Enttäuschung, oder das Versagen oder Scheitern. Die letztgenannten Begriffe sind kaum positiv konnotiert. Wir haben Versagensängste und haben Angst, nicht zu genügen. Wir machen uns kaputt und werden traurig und apathisch, wenn wir nichts auf die Reihe kriegen. Ich finde diese Einstellung ungünstig, denn das sich selber zuführen von Schmerz hat meines Erachtens nur selten dazu geführt, ein Ziel zu erreichen. Bei der Wut ist es ähnlich: Wut ist wie man selber Gift trinken würde, und hofft, dass der andere dabei stirbt.

Wie wir auf Versagen reagieren

Sobald wir irgendwo versagt haben, scheint es ein Volkssport zu sein, sich selber mit aller Kraft kaputt zu machen. Und wenn jemand anders versagt, dann fühlen wir Mitleid oder Abscheu, schütteln den Kopf und wenden uns ab. Wer will sich schon mit Versagern beschäftigen? Es wird sichtbar, dass hier mit äusserster Härte vorgegangen wird und der „Versager“ sich selbst seiner Basis beraubt und sogar sich selber zu hassen anfängt. Doch wo führt das hin?

Was die Stoiker dazu sagen

Epiktet, ein grosser Stoiker, pflegte in seinem „Handbüchlein der Moral“ folgendes festzustellen: Einige Dinge stehen in unserer Macht, andere hingegen nicht. Die zentrale Botschaft der Stoa liegt also in der Unterscheidung von dem, was für uns beherrschbar und kontrollierbar ist und dem, was wir nicht kontrollieren können. Er machte beliebt, die Bemühungen auf Ersteres zu konzentrieren, statt sie auf Letzteres zu verschwenden. So meinte Epiktet auch: Es sind nicht die Dinge selbst, die uns bewegen, sondern die Ansichten, die wir von Ihnen haben. Und er ergänzte: Der Weg zum Glück besteht darin, sich um nichts zu sorgen, was sich unserem Einfluss entzieht.

Fehler und Versagen als Funktion des Fortschritts

Als sehr pragmatischen Gedanken erachte ich die Erkenntnis, dass es kein Weiterkommen ohne Fehler gibt. Wir sind also gezwungen, Fehler zu machen um weiterzukommen. Oder umgekehrt: Wer keine Fehler macht, macht wahrscheinlich auch sonst nichts. Somit ermutige ich die Menschen zum Fehler machen – und diese innerlich als Funktion und Lehrgeld zum Weiterkommen zu verbuchen.

Vergib anderen – aber auch Dir selber!

Viele Menschen sind sehr hart und kontrolliert zu sich selber und haben ein sehr hohes Niveau an Erwartungen. Werden diese erfüllt: OK, werden diese nicht erfüllt: Katastrophe. Doch es ist ganz wichtig zu wissen, dass jeder Mensch auf dieser Welt viele Fehler mit sich trägt und dass man selber nur eine weitere Version Mensch ist. Ich plädiere nicht für ein YOLO-Leben (You Only Live Once), wo man einfach macht, was kommt, und dann einfach weitergeht, sondern wo man sorgfältig vorbereitet und sein Bestes gibt – und wenn es anders kommt, dies (eben stoisch) entgegennimmt, akzeptiert und umarmt, und dann weitergeht. Oft ist ein Versagen das Beste was einem passieren kann, nur kann man es in diesem Moment nicht wahrhaben. Die Situation ist Dein Lehrer. Und oft gibt es Master-Classes. Doch dies kann uns weiterbringen!

Eine Tür geht zu – und dann?

Viele Menschen die planen und grosse Erwartungen haben, haben oft Mühe damit, wenn eine Tür zugeht, wo sie sich doch so erhofft haben, dass sie offenbleibt. Doch das Leben hat mir bisher gezeigt, dass immer zwei bis drei neue Türen aufgehen – vielleicht noch viel spannender und schöner als die erste, die zugegangen ist. Wenn wir also eine Grund-Positivität erreichen können und das Schicksal umarmen – egal wie es kommt – dann bleiben wir im Driving-Seat unseres Lebens und werden unverletzbar.

Momento Mori (sei Dir Deiner Sterblichkeit bewusst)

Jedes irdische Leben ist endlich, und genau dieser Umstand sollte uns dazu verhelfen, gewisse Sachen anders anzugehen. Grundsätzlich sollte man jederzeit bereit sein, die Erde zu verlassen. Keine offenen Punkte, keine kindischen Streitereien, kein Groll. Und wenn wir wissen würden, dass wir morgen sterben würden: Würden wir uns über so viele Sachen aufregen, und uns mit Nebensächlichkeiten beschäftigen? Wohl kaum. Wenn wir also das Leben von hinten nach vorne betrachten, bietet es uns einen genialen Kompass, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Was ist in unserer Hand

In unserer Hand liegen bspw. unsere Gedanken, Gefühle, Wertungen, Worte und Handlungen. Nicht in unserer Hand liegen alle Sachen, die „da draussen“ passieren. Und damit ist sogar auch unserer Körper gemeint. Wenn der Nicht-Stoiker sagt: Ich bin krank, sagt der Stoiker: Mein Körper ist krank – und das hat nichts mit mir zu tun, weil ich es ja nicht ändern kann bzw. alles in meiner Macht stehende ausgeschöpft habe.

Die vier Tugenden / auf was wir achten sollten

Die 4 Tugenden der Stoiker sind Mut, Mässigung, Weisheit und Gerechtigkeit. Wenn wir uns in diesen Tugenden üben und weiterentwickeln, dann können wir unser Leben zu einem schönen Ort machen. Dabei müssen wir zwei Grund-Gedanken gleichzeitig im Kopf behalten, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen. Zum ersten ist es das Leben mit all seinen Herausforderungen und Ungerechtigkeiten so zu akzeptieren und man soll emotional stabil bleiben, um nicht wie ein Kartenhaus bei der ersten Herausforderung zusammenzufallen. Das bedeutet jedoch nicht, dass man alles hinnehmen muss! Sondern vielmehr, dass wenn man er mit der aktuellen Situation nicht zufrieden ist, alles daran setzt sie nach seinem Ideal zu verändern. Ein Stoiker schaut ungeschönt und möglichst unverzerrt auf die Welt. Er erkennt die Ungerechtigkeit, aber auch gleichzeitig, wie die Welt besser würde, wenn er sich dafür einsetzt. Und bedenke: Die Welt ist ungerecht – aber nicht immer zu Deinen Ungunsten!

Negative Visualisierung – eine Übung

Obwohl allgemein davon abgeraten wird („self-fulfilling prophecy“), arbeite ich gerne mit der negativen Visualisierung. Stelle dir vor du verlierst sowohl all deine Beziehungen als auch materiellen Güter die du besitzt und schätzt. Stell Dir vor Du verlierst ein Kind. Stell Dir vor, Du versagst im falschen Moment. Was würde Dir passieren? Wenn Du Dir bewusst wirst, dass alles „Flügel“ hat, ausser dem, was Du in Deinem Kopf und Deinem Herzen hast, dann wirst Du unbesiegbar. Es gibt immer einen Weg nach vorne! Oder, etwas pragmatischer: Wenn Du durch das Tal der Tränen gehst, dann gibt’s nur eines: Weitergehen!

Um was es geht

Die meisten Menschen haben noch nicht verstanden, um was es wirklich geht: Es geht um die Liebe und die Unterstützung der Mitmenschen und um das gemeinsame Weiterkommen! Dies funktioniert nur, wenn man sich selber liebt bzw. mit sich selbst OK ist. Damit meine ich nicht die Selbstverliebtheit, Überheblichkeit und den Narzissmus, sondern ein ganz simples OK zu sich selber – wir sind das einzige was wir selber haben. Die eigene Basis zerstören schafft selten einen stabilen Charakter, der den Stürmen „da draussen“ trotzen kann. Somit sollte man am Morgen aufstehen und sich bewusst werden, dass vieles schief gehen wird – und das zum Leben gehört. Wer ja zum Leben sagt, der weiss, dass er zu allem akzeptieren kann, das ihm zustösst, ohne dass es ihn zerstört. Und dabei handlungsfähig bleiben.

Plädoyer für weniger Härte und mehr Liebe

Um wieder auf die Ursprungsfrage zurückzukommen würde ich dafür plädieren, dass wir jeden Tag eine bessere Version von uns selber erschaffen sollten und unseren Mitmenschen mehr helfen und das Gute in ihnen sehen sollten. Momento Mori: Starke Beziehungen und der Glaube an einen Menschen verleihen ihm Flügel und ermutigen ihn, das Beste zu geben, Fehler zu machen, und Gas zu geben. Die darüber stehende (Nächsten-)Liebe ist niemals tangiert. Scheitern gehört zum Leben wie die Nacht zum Tag. Wir sollten die Mitmenschen mental an der Hand nehmen, für sie da sein und sie begleiten und so ein Wir-Gefühl schaffen. Einzeln stark – zusammen unschlagbar! Wir können die Welt nicht verändern – aber die paar Quadratmeter um uns herum und unsere Kontakte können wir mit unseren Handlungen, unserer Einstellung und unserem sanften Lächeln positiv beeinflussen – und das sollten wir auf keinen Fall unterlassen!

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